Komm in meinen Kopf...

...is lustig da...

--Loki?
Genervt dreht er sich zu mir um.
--Wer bist du?
Mit den Händen streicht er sich fahrig durchs Haar. Dunkle Schatten liegen unter seinen sonst so wachen Augen und er ist noch bleicher als sonst. Er lässt sich geräuschvoll auf dem Boden nieder und verschränkt die Arme hinter seinem Kopf. Er schließt die Augen und Haarsträhnen fallen ihm wie eine Decke ins Gesicht.
--Das habe ich noch nie jemandem erzählt. Du kannst dich also glücklich schätzen, dass du der erste bist.
Ich lasse mich neben ihm auf dem Boden nieder und schließe ebenfalls die Augen.
--Ich bin nicht so alt wie alle glauben. Mein Blut ist alt, da mein Vater alt war. Sein Blut fließt in mir und es ist sein Blut, das alle riechen und anbeten. Ich bin zwar alt, aber nicht so alt wie Anira oder Marek. Ich bin älter als Nestor, aber auch nur um ein paar Jahre.
--Was hast du gemacht, bevor du zu Luzifer gekommen bist?
--Ich habe viel gemacht. Zuletzt war ich Exorzist.
Ich reiße ungläubig die Augen auf.
--Ich weiß, was du jetzt denkst. Aber so ist es nun einmal. Du weißt, dass ich nicht der Typ bin, der Mitleid für jemanden empfindet und du weißt auch, dass ich nie aus reiner Nächstenliebe einem Menschen oder einem Artgenossen helfen würde, es sei denn, es springt etwas für mich dabei heraus. Aber das war nicht immer so. Ich hab die Fähigkeit Gedanken und Erinnerungen lesen zu können und Gefühle und Empfindungen beeinflussen zu können, sehr früh entdeckt. Ich hab sie perfektioniert und gelernt, sie für mich zu nutzen. Am Anfang konnte ich die Dinge, die ich über Erinnerungen sah und hörte nicht unterscheiden und alles stürmte auf mich ein. Ich hab mich vor Menschenmassen fern gehalten. Sobald ich mit mehr als drei Personen konfrontiert wurde, dröhnte mein Kopf und ich brach zusammen. Aber im Laufe der Zeit habe ich gelernt, das alles zu kontrollieren. Ich kann Gedanken ausblenden und mich auf eine einzelne Person konzentrieren. Ich habe gelernt, es für mich zu nutzen, wie schon gesagt.
--Aber… Exorzismus?
--Weißt du, was Exorzismus ist?
Ich verscheuche mit der Hand eine Fliege, die sich auf meinen Arm gesetzt hat.
--Teufelsaustreibung.
--Beim Exorzismus werden vermeintliche Dämonen ausgetrieben, die im Körper einer besessenen Person hausen. Viele Rituale sind dazu erforderlich. Viele Menschen, die angeblich an der Besessenheit gestorben sind, oder besser, die am Exorzismus selbst gestorben sind, waren aber einfach nur Krank.
--Epilepsie?
--Ja. Zum Beispiel.
Er öffnet die Augen und dreht seinen Kopf zu mir.
--Kilian, wie lange hat es gedauert, bis dein Körper starb und du vollständig einer von uns warst?
Ich presse die Lippen aufeinander und denke kurz nach, bevor ich antworte.
--Zwei, drei Tage. Wieso? Was hat das mit Exorzismus zu tun?
--Dazu komm ich noch. Weißt du, es gibt starke Menschen und schwache Menschen. Einige Menschen strotzen nur so vor Lebenskraft, während andere von einer Feder umgeworfen werden könnten. Einige sind perfekt dafür gemacht, ein Vampir zu werden, andere nicht. Was glaubst du, worin der Unterschied liegt bei der Verwandlung vom Mensch zum Vampir bei einem starken Menschen und einem schwachen Menschen?
--Sobald Vampirblut in den Blutkreislauf eines Menschen gelangt, beginnt der Körper zu sterben. Bei einem relativ schwachen Menschen kann der Prozess schnell vorangehen. Es dauert vielleicht einen Tag, dann ist der Körper vollständig ausgezerrt und stirbt. Ein geistig und körperlich stärkerer Mensch kann besser gegen das Sterben ankämpfen. Der Körper wehrt sich gegen den Tod und die Prozedur kann sich Tage lang hinziehen. Wie lange genau so etwas dauern kann, weiß ich nicht, aber...
--Du hast es genau auf den Punkt getroffen.
Verwirrt blicke ich ihn an und versuche in seinem Gesicht zu lesen, aber seine Miene bleibt hart und ausdruckslos.
--Ich war kein Exorzist wie jeder andere. Ich glaubte nicht an den Teufel oder daran, dass irgendeine Fremde Macht von Körpern Besitz ergreifen kann. Die Menschen, die ich exorziert habe, waren Menschen, die sich in Vampire verwandelten. Es waren sehr starke Menschen und die Prozedur hat Tage gedauert. Bei manchen sogar eine Woche und bei einem Jungen aus Kerry sogar fast dreizehn Tag.
--Das verstehe ich noch nicht ganz.
--Wenn ein Mensch infiziert oder gewandelt wird, kann er erstaunliche Dinge vollbringen. Seine Körperkraft wird übermenschlich, er spricht aus gespaltenen Zungen in Sprachen, die er eigentlich nicht kennen dürfte, die aber in dem infizierten Blut übertragen wurden, ebenso wie Erinnerungen. Sie fluchen, weil es verdammt noch mal schmerzvoll ist. Sie verweigern Essen und Trinken, weil der Körper alles wieder erbricht, was kein Blut ist. Einige von ihnen haben sogar Zukunftsvisionen, die aber nur eine spätere Begabung zeigen. Für die Menschen waren diese Anzeichen allerdings eindeutige Hinweise für eine Besessenheit. Sie riefen mich. Ich sollte die Person doch von diesem bösen Geist befreien. Und ich kam, sah, wie der Körper starb, spielte den Familien etwas vor, indem ich die Sterbenden mit Weihwasser übergoss und Gebete sprach. Ich wartete darauf, dass sie starben und lehrte sie dann, mit dem, was sie sind, umzugehen. Sie erholten sich und kehrten in ihre liebenden Familien zurück. Ich kassierte eine Menge Geld und schlug mich so durchs Leben. Der Glaube an Dämonen und Böse Geister war so fest in den Köpfen der Menschen verwurzelt, dass die Notwendigkeit von Exorzismen unabdingbar wurde. Die meisten Größeren Gemeinden hatten zumindest einen Exorzisten und die, die keinen hatten, baten mich um Hilfe. Aber nach einer Weile begannen die Menschen sich zu verändern. Sie entwickelten sich weiter. Ärzte und Psychologen wurden beauftragt einen möglicherweise Besessenen Körper erst zu untersuchen und festzustellen, ob der Betroffene krank war oder wirklich vom Teufel oder einem seiner Helfershelfer heimgesucht wurde. Der Exorzismus verschwand langsam von der Bildfläche und irgendwann hab ich es dann aufgegeben und bin Luzifers Clan beigetreten. Heutzutage gibt es zwar immer noch Exorzisten, aber durchs Leben schlagen kann man sich damit kaum noch. In Afrika könnte man es vielleicht schaffen, da gibt es immer ein paar Irre die durchdrehen, aber hier...
Er streicht sich ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht und ein wohliges Knurren kommt aus seiner Kehle.
--Wenn ein Mensch sich in einen von uns verwandelt, legt er ungeheure Kräfte an den Tag. Hattest du nicht Angst davor, dass einer von Ihnen dich umbringt?
Seine Augen bohren sich in meine, wie damals, als wir uns das erste Mal trafen.
--Das Gefühl von Angst kenne ich schon lange nicht mehr.
Eine Weile sitzen wir da, ohne zu reden, aber in meinem Kopf wirbeln die Fragen wie in einem Feuerball, und ich will sie stellen, bevor sie zu Rauch verfallen.
--Hast du dir jemals gewünscht ein Mensch zu sein?
--Eine komische Frage. Nein, ich habe mir viel gewünscht, aber das nicht. Es ist fruchtlos sich nach etwas zu sehnen, dass unerreichbar geworden ist... Man sollte sich nur Dinge wünschen, die man sich auch erfüllen kann. Ich weiß, dass ich nie ein Mensch werden kann, also denke ich auch gar nicht weiter darüber nach. Es wäre nur verschwendete Zeit.
--Zeit ist doch alles was ein Vampir uneingeschränkt hat. Willst du denn gar nicht wissen, wie es ist? Willst du nicht wissen, wie es sich anfühlt, wenn du Gänsehaut bekommst, weil dir kalt ist? Willst du nicht wissen, wie es ist zu lieben, ohne Prägung, meine ich? Vor Scham zu erröten, weil einem etwas furchtbar peinliches passiert ist?
--Nein. Das Menschenleben bereitet einem nur Probleme.
--Woher willst du das wissen? Du führst kein Menschenleben.
Er stöhnt gequält.
--Eins zu Null für dich.
Wir schweigen wieder eine Weile und ich denke darüber nach, wie es war, als ich noch ein Mensch war.
--Jeden Tag vergesse ich ein bisschen mehr, wie es war ein Mensch zu sein. Früher, als Kind, hatte ich Angst vor Clowns. Das hätte ich fast vergessen. Ich mag kein Erdbeereis. Ich liebe Vanillepudding. Ich hasse es, so zu sein, wie ich bin. Es ist so anstrengend. Ich will wissen, wie es ist ein Mädchen zu lieben, wenn das Herz rast und man vor Liebe explodieren möchte. Ich will Menschen helfen können, die einen Unfall hatten und nicht einfach weggehen, nur weil das Blut mich anmacht.
Ich will leben.
--Viele Vampire waren einmal Menschen und die die es wollen, können sich auch daran erinnern. Die Erinnerungen an sich bleiben, du wirst sicher nie deinen ersten Schultag oder deinen ersten Kuss vergessen.
--Ja. Die Erinnerungen selbst bleiben, aber das Gefühl, wie es war ein Mensch zu sein, wie es war geküsst zu werden, wie es war stolz auf meine Schultasche zu sein, das verliere ich.
--Vielleicht hängst du ja deshalb so sehr an Ave. Menschen wecken in den Augen der Vampire eigentlich nur körperliche Gelüste und weiter nichts. Aber vielleicht ist das bei Ave anders. Vielleicht gibt sie dir ein paar deiner Gefühle zurück. Sie hilft dir dabei deine Erinnerungen und Gefühle zu waren. Zu erhalten. Aber ich kann dir gleich sagen: Wenn du älter wirst und sie älter wird, werden sich diese Gefühle zerstreuen. Noch bist du jung und hast wenig Erfahrung davon, was dieses Leben, wenn man es Leben nennen kann, noch in sich birgt. Ich bin uralt. Die Ewigkeit hat mich geprägt. Ich weiß, dass alles Sterbliche vergänglich ist. Für mich ist es nur ein Wimperschlag in dem ein Mensch geboren wird und wieder stirbt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Ave wieder in den Staub zurückkehrt und ihren Frieden findet. Aus der Erkenntnis heraus, dass das Leben an sich so beschränkt ist und für mich unendlich, habe ich vielleicht eine gewisse Form der Gleichgültigkeit und des Hochmuts gegenüber den Menschen entwickelt. Mir steht die Ewigkeit zur Verfügung, die weitaus länger ist, als ich es mir wünsche. Natürlich möchte ich irgendwann auch sterben, aber gleichzeitig habe ich auch ein wenig Angst davor. Für einen Vampir wie mich gibt es keinen Himmel. Was passiert, wenn ich sterbe? Ich kann mir nicht vorstellen, dass dann nichts mehr kommt. Das dann alles nur noch schwarz ist. Es übersteigt meine Vorstellungskraft.
--Hast du irgendwelche besonderen Erinnerungen?
--Jeder Moment meines Lebens ist eine Erinnerung. Ich habe viele schöne Dinge gesehen und erlebt. Ich habe viele Freunde verloren, weil der sterbliche Tod sie mir weggenommen hat. Ich habe so viel berühmte Persönlichkeiten sterben sehen. Am schlimmsten war es bei Oscar Wilde. Ich würde sogar behaupten, dass ich ihn vermisse. Wusstest du, das ich Dorian Gray bin?
--Dorian Gray? Der Mann, der ein Bild von sich anfertigen ließ und es an seiner Stelle altern ließ?
--Er hat es mir zwar nie direkt gesagt, aber ich weiß ganz sicher, dass ich es bin. Mir hat er ein Denkmal gesetzt, von dem die Menschen heute noch nicht wissen, wer ihn inspiriert hat. Nicht einmal Bosie, dieser Scharlatan von einem Kerl, konnte ihn so beeinflussen wie ich. Warum er gerade ihn als seinen Geliebten ausgesucht hat, weiß ich nicht. Ich fand ihn nie besonders attraktiv. Die Tatsache, das Dorian am Ende stirbt, indem er selbst das Bild zerstört, war eine Botschaft an mich. Oscar wollte, das ich mit ihm sterbe. Ich sollte mich selbst töten. Für ihn. Aber ich war egoistisch und hab nur an mich gedacht. Ich wollte Oscar behalten. Für immer. Aber er war ein unverbesserlicher Fanatiker. Für ihn zählte im Leben nur die Schönheit. Ästhetizismus beherrschte sein Leben. Ästhetik. Die Tatsache, ewig zu leben erfüllte ihn mit einer Ehrfurcht, die ich bis heute nicht begreife. Auf der einen Seite wollte er die schönen Dinge in seinem Leben nie verlassen. Er sagte, allein für die Schönheit würde er ewig leben. Aber auch der Tod hat eine schöne Seite. Eine Seite, die er nicht kannte, die er aber um alles in der Welt kennen lernen wollte. Ich hätte ihm alles gegeben. Aber er hat es bevorzugt zu sterben. Es gab viele Menschen die mir in gewisser Weise etwas bedeutet haben. William Butler Yeats, Shakespeare und sogar Herman Hesse konnten für eine gewisse Zeit mein Herz erwärmen, auch wenn sie der männlichen Liebe nichts abgewinnen konnten und ich sie nur durch meine Kräfte in Besitz genommen habe. Ich habe meine Kräfte missbraucht und sie Dinge gegen ihren Willen tun lassen. Hesse war ein schöner und graziöser Mann. Er schrieb für die Welt, aber die Welt tat nie etwas für ihn. Er war ein wirklich schöner Mann, aber auch einfältig und naiv was sein Leben anging. Hast du jemals das Glasperlenspiel gelesen? Es war wunderschön. Er war wunderschön. Und ich habe diese Schönheit mit meinen Gedanken zum Einsturz gebracht. Ich habe sein innerstes gesehen, dass er versuchte vor mir zu verbergen. Ich müsste hundert Tode sterben für die Dinge, die ich getan habe. Und doch lebe ich weiter, denn ich habe den Tod nicht verdient. Ich verdiene es mein Leben lang mit dem Wissen zu leben, dass ich ein Monster bin. Die Tatsache dass ich geprägt wurde, nehme ich als Wiedergutmachung. Es fühlt sich an, als hätten mir dir Götter und Geister der Vergangenheit verziehen und mir nun ein Geschenk gemacht, dass ich um alles in der Welt nie mehr verlieren möchte, es aber doch nur mit Schmerzen annehmen kann. Es ist seltsam, dass ich auf einen weiblichen Vampir geprägt wurde, zumal ich immer gehofft hatte, es würde ein männlicher sein. Männer haben mich stets mehr interessiert als Frauen. Frauen sind auf ihre ganz eigene Weise ganz besondere Wesen, aber auf die Dauer viel zu kompliziert und unberechenbar. Männer hingegen sind einfacher und sehen die Dinge anders, als das weibliche Geschlecht. Ich habe viele Männer geliebt, obgleich es auch meist nur körperlich war. Ich weiß, du kannst das nicht verstehen, Kilian. Aber da bist und warst du nicht der einzige. Damals, als ich begann mich mit Oscar zu treffen, hatte die Gesellschaft eine Abneigung gegen gleichgeschlechtliche Liebe. Sie war sogar verboten. Hätte man mich und Oscar erwischt, wüsste ich nicht was man mit uns getan hätte. Ich selbst wäre freilich irgendwie davon gekommen, aber Oscar? Ich hätte es mir nie verziehen wenn ihm etwas passiert wäre. Um in meiner Nähe sein zu können, musste er vieles riskieren. Wir trafen uns zuerst in Hinterzimmern des Cafe Royals, dann kamen Hotels und andere schäbige Orte hinzu. Er hat mich malen lassen, was uns wieder ein bisschen Zeit eingebracht hat. Wir gingen ins Theater. Oh wie ich dieses wunderschöne Theater vermisse, in das er mit mir gegangen ist. Es ist nicht so wie heute, wo all diese modernen anspruchslosen Stücke gespielt werden. Früher war alles anders. Besser. Oscar war der erste Mann nach Adam… egal. Es gibt Dinge, über die man nicht reden sollte. Es ist einfach nur schrecklich zu wissen, dass die Menschen, mit denen du eine Zeit deines Lebens verbringst, lieber die Schönheit des Todes bevorzugen als ewig zu leben. Ich vermisse Oscar. Sogar diesen eingebildeten Schnösel Alfred* vermisse ich. Er hat mich stets beleidigt wo er nur konnte, hat sein Bett mit Oscar geteilt, obwohl er wusste das Oscar mir gehörte. Er war der einzige Mensch der je gegen mich angekommen ist. Ich habe nie verstanden warum O. Gefallen an ihm hatte. Bosie hat ihn betrogen, aber Oscar war es gleich. Ich glaube so etwas nennt man unter den Menschen Liebe. Auch wenn ich nie ein Mensch sein wollte, so wollte ich doch immer wissen was Liebe ist. Eifersucht, Reue, Hochmütigkeit, Stolz, Hass. All das habe ich kennen gelernt. Aber Liebe? Das ist ein Privileg der Menschen, worum ich sie beneide. Eine Prägung kann man nicht als Liebe bezeichnen. Es ist eine reine Abhängigkeit. Wir nennen es nur Liebe, weil wir keinen anderen Begriff haben, mit dem wir es vergleichen könnten. Ich rede viel zu viel mit dir. Man könnte schon meinen ich hege Interesse an dir. Du bist auch ein schöner junger Mann Kilian. Androgyn, galant und mit einem Herzen voller Fürsorge und Gefühlen, die die Welt bedeuten. Und zu einer anderen Zeit und an einem andern Ort, hätte ich bestimmt etwas mit dir anfangen können. Aber deine Schwester hat alles verändert. Nie wieder wird mir ein Mann oder eine andere Frau außer deiner Schwester gefallen. Deine Schwester ist nun alles was mir etwas bedeutet. Und in gewisser Hinsicht bin ich froh darüber. Sie ist so eine Art zu Hause für mich, ein Licht in der Dunkelheit. Ich habe mich nie irgendwo zu Hause gefühlt. Ich führte ein rastloses Leben und auch als ich Luzifers Clan beitrat, wusste ich, dass es nur eine weitere Stufe auf der Leiter meines Lebens ist. Aber bei deiner Schwester endet meine Reise. Wenn ich abends die Augen zumache weiß ich, dass ich zufrieden bin. Sogar glücklich in gewisser Hinsicht. Ich bin am Ende meiner Reise und das einzige worüber ich mir jetzt noch Gedanken machen muss ist Lilli. Kannst du das irgendwie verstehen?
--Ja. Natürlich kann ich das verstehen. Es ist nur so, dass ich mir für Lilli immer jemand besonderen gewünscht habe. Damit will ich nicht sagen, dass du nichts besonderes bist, aber... es ist nur so dass ich mir für Lilli immer einen… ähm…
--Du hast dir einen Menschen für sie gewünscht?
Ich nicke.
--Ich wollte nie, dass sie dieses Leben führt. Dieses rastlose warten darauf, dass man irgendwann gekillt wird. Ich wollte, dass sie ein normales Leben führt. Sie sollte sich verlieben in wen sie will, heiraten wen sie will und wunderschöne kluge Kinder kriegen.
--Warum hast du sie dann gewandelt und nicht Ave?
--Weil ich egoistisch war. Ave bedeutet mir viel, aber meine Schwester ist mein Leben. Und dieses Leben wollte ich nicht aufgeben. Außerdem bin ich es ihr schuldig. Ich habe sie um ihre Kindheit beraubt und hätte ich ihr Leben ganz ausgelöscht… nein damit hätte ich nicht leben können.
--Weißt du, das du Marek sehr ähnlich bist?
--Inwiefern?
--Marek ist der Inbegriff eines Blenders. Nach außen hin stark, aber innen drin komplett zerrüttet und zerstört vom Leben. Er hat eine Heidenangst vor dem Tod. Er wird in ein paar hundert Jahren zu den ältesten Vampiren der Welt gehören, aber nicht weil er das ewige Leben schätzt, sondern weil er einfach nur Angst vor dem Tod hat. Früher, bevor er sich Luzifer angeschlossen hat, war er bei einem Wanderzirkus. Aber es war kein gewöhnlicher Zirkus. Es war eine Freakshow. So etwas gibt es heute nicht mehr, weil es gesetzlich verboten wurde. Missgebildete und behinderte Menschen wurden wie Tiere in Käfige gesperrt. Sie bekamen keine geregelten Mahlzeiten, durften sich nicht waschen und trugen monatelang dieselben verdreckten Lumpen. Marek war einer dieser Freaks. Er war der Junge, der nie altert, der Junge, dessen Wunden wieder heilten, wenn man ihn schnitt. Der Junge, der Schweineblut trank und dessen Augen schwarz wurden, wenn er hungerte. Er wusste jahrelange nicht, dass er ein Vampir war. Er wusste nicht einmal, dass es sowas wie uns überhaupt gibt. Nach sieben Jahren Gefangenschaft befreite ein gewisser Alan Carris ihn und er erklärte ihm, was er war. Marek hat die Menschen stets gefürchtet und auch heute noch huscht ein verzweifelter Schatten über sein Gesicht, wenn er einen sieht. Er tötet selten Menschen und wenn er es tut, so stets mit Furcht und Abscheu. Vampire zu töten liegt ihm viel mehr und es kam schon öfter vor dass er ein Clanmitglied getötet hat, was wir immer zu vertuschen gewusst haben.
--Und in welcher Hinsicht ist Marek nun so wie ich?
--Marek fürchtet die Menschen so sehr und doch wünscht er sich nichts sehnlicher, als selbst einer zu sein.
--Aber du sagtest doch, dass er Angst vor dem Tod hat. Wenn er ein Mensch wäre, würde er alt werden und sterben.
--Das ist richtig. Aber es wäre ein menschlicher Tod. Er hat Angst davor, als Vampir zu sterben. Vampire kommen weder in die Hölle noch in den Himmel. Der Tod ist keine Erlösung von den Dingen die wir getan haben, er ist nur der erste Schritt zu Begleichung unserer Sünden. Ich weiß dass du alles dafür tun würdest ein Mensch zu sein. Du hasst deine Existenz als Vampir und hast dich genauso wenig damit abgefunden wie Marek. Das Vampirsein verändert den Menschen, selbst wenn er es nicht wahrhaben will. Als du ein Mensch warst, hast du dir sicher nie vorstellen können jemanden zu töten, oder? Aber jetzt wo du ein Vampir bist streifst du jegliche Gedanken daran ab wie eine zweite Haut. Du denkst nicht weiter darüber nach wer die Person ist, die du tötest. Ob sie gute Menschen waren, oder schlechte. Ob sie es verdient haben zu sterben oder nicht. Vampire sind Mörder, Kilian. Wir sind verdammt dazu mit der Zeit unser Gewissen und unsere Emotionen zu verlieren.
Stille breitet sich über uns aus und meine Gedanken fliegen ihm Wind.
--Was ist mit Anira?
--Anira?
--Ja. Was ist ihre Geschichte?
--Anira de Basker hat viele Geschichten. Und keine von ihnen ging glücklich aus. Ihre Mutter ist bei ihrer Geburt gestorben und ihr Vater hat sie schon früh sich selbst überlassen. Sie hat viele Leben gelebt und keines machte sie glücklich. Sie versuchte immer es allen recht zu machen, was sie mehr als einmal in Schwierigkeiten gebracht hat. Anira hatte es nicht leicht. Ihre Vorfahren waren Söldner und das Blut dass sie vergossen haben klebt für immer an den Händen der Nachkommen. Anira hat es nie leicht gehabt im Leben und dennoch ist ihre Persönlichkeit stärker als die meine. Ihr Wille und ihr Mut haben sie zu dem starken Wesen gemacht, welches sie heute ist. Sie ist eine der wenigen, die ihr Schicksal akzeptiert haben. Sie betrachtet dass Vampirsein wie einen zweiten Menschen, eine zweite Seele, die in ihr lebt. Sie spricht mit ihr und trifft nie allein Entscheidungen. Wenn sie jagt beginnt ihre menschliche Seite an ihr Opfer zu denken, über ihre Familie und ihre Freunde, dann mischt sich die unsterbliche Seite ein und verdreht ihr den Kopf mit Fantasien darüber, dass der Tod nur eine Erlösung von dem Leben ist. Anira hat nie vor jemanden zu töten. Jedes Mal ringt sie mit sich und entfernt sich von ihrem Opfer. Aber dann flüstert ihr die Unsterblichkeit süße Worte in den Kopf und sie tötet. Und jedes Mal brennt ihr Gewissen ihr Narben in den Leib. Jeder von uns ist auf seine Weise verdammt, Kilian. Jeder hat eine dunkle Seite. Selbst die Menschen haben sie, aber erst das Vampirsein lockt sie hervor und verleiht ihnen Macht. Niemand kann die Dunkelheit aufhalten, die in uns wohnt. Sie ist unaufhaltsam wie das Licht, dass die Welt erhellt und ins Zwielicht treibt, wie ein aufgescheuchtes Reh....


4 Kommentare:

Adrian hat gesagt… Montag, 28 Februar, 2011  

Also: lange hab ich gelesen, aber ich finds gut.
Na klarist es anfangs ein bisschen schwer, sich da durchzufinden, aber ich denke, wenn man des Buch vom anfang an list, kommt man mit. ich finde die schreibweise echt gut, und ich denke, ich würds mir(wenns nich zu teuer ist) auch sicher kaufen um mal reinzuschauen und sagen zu könne "Hey, die kenn ich!"


Liebe Grüße und wieder an Bord
Adrian der Pirat^^

jo lesenswert!

Gefällt mir ganz gut. Es sind ziemlich viele Personen, die in dem relativ kurzen Textauschnitt vorkommen. Da fehlt mir persönlich die Vorstellung, wer die alle sind. Das ist aber keine Kritik, weil Dein Buch ja garantiert darauf eingeht. Dein Schreibstil ist auf jeden Fall kurzweilig (nur um sicher zu gehen: das ist was positives ^^) und unterhaltsam. Weiter so.

*rotwerd*
Ja... das mit den vielen Figuren ist schwer ich weiß, aber wenn man den anfang des Buches kennt, kann man auch die Personen gut auseinander halten.

Loki, Anira, Marek, und Nestor(der hier noch nicht erwähnt wird) sind vier der fünf Clanführer.
Lilli ist Kilians Schwester.

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(O.o)
(> <) This is Bunny. Copy Bunny into your signature to help him on his way to world Domination.


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Ein Buch ist ein Freund, der deine Fähigkeiten aufdeckt; es ist ein Licht in der Finsternis und ein Vergnügen in der Einsamkeit; es gibt und es nimmt nicht. / Mosche Ibn Esra

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Der Kater...

Emoticons"Würdest du mir bitte sagen, wie ich von hier aus weitergehen soll?" - "Das hängt zum großen Teil davon ab,wohin du möchtest", sagte die Katze. (Alice im Wunderland) Blogverzeichnis Blogverzeichnis Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de Bloggeramt.de Blog Top Liste - by TopBlogs.de Blog Button kostenloser Counter Poker Blog 2010 Blogverzeichnis

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